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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 Wetter-Fachforum
Sommerkind Offline




Beiträge: 51

06.04.2006 17:06
Klimaforschung im Seeschlamm antworten

«Die Birke benötigte 120 Jahre»

Mit Pollen aus dem Gerzensee untersucht das Botanische Institut der Uni Bern Auswirkungen des Klimawandels
Am Grund des Gerzensees sind bis zu 16 000 Jahre alte Pollen abgelagert. Sie erzählen von den Auswirkungen früherer Klimaerwärmungen auf die Pflanzenwelt und über die Ankunft der ersten Menschen im Mittelland. Und vielleicht erlauben sie sogar, einen Blick in die Zukunft zu werfen.

«Für manche Menschen ist der Blütenstaub vor allem unangenehm – für mich aber sind Pollen einfach sehr spannend», sagt Brigitta Ammann. Das erstaunt nicht, denn die Professorin am Botanischen Institut der Universität Bern erforscht anhand von Pollen die Vergangenheit – und zwar zurück bis in die Zeit vor 16 000 Jahren. Die Pollen, die sie dafür benötigt, holt Ammann zusammen mit ihren Studentinnen und Studenten und mit ihrem Techniker Willi Tanner aus dem Schlamm: «,Pfludi‘», sagt die Professorin, «ist unser wertvollstes Gut.» Etwa der «Pfludi» vom Gerzensee: Von hier haben die Wissenschaftler zahlreiche Bohrkerne aus dem Grund heraufgeholt: «Die Sedimente am Seegrund sind wie ein natürliches Archiv», erklärt Ammann. Jeden Frühling und Sommer landen Pflanzenpollen auf dem See. Dort sinken sie in die Tiefe, lagern sich auf dem Grund ab. Dank ihrer zähen Haut und weil im Schlamm kaum Sauerstoff enthalten ist, verrotten die nur wenige Tausendstelmillimeter kleinen Pollenkörner nicht. So bleibt der Blütenstaub der Pflanzenwelt aus der Gegend des Gerzensees erhalten – auf Jahrtausende zurück.

Der Blick zurück nach vorne

Ammann zeigt einen der Bohrkerne, die aussehen wie Lehm- Würste: Eine Scheibe von einem Zentimeter Dicke entspreche den Ablagerungen von 16 Jahren – bei den tiefsten Bohrungen im See wurden bis sechs Meter lange Kerne gehoben. «Meist bohren wir zurück bis in die Späteiszeit.»
Im Labor werden aus den Bohrkernen exakt vermessene Würfelchen entnommen und akribisch untersucht: Die Pollen werden aus dem Lehm gelöst, bestimmt und gezählt. Auch die Überreste der Chitinpanzer von Kleinstkrebsen und Beisswerkzeuge von Mückenlarven werden untersucht – denn all das lässt Rückschlüsse auf das Ökosystem am Gerzensee zu. Zugleich werden die verschiedenen Schichten der Ablagerungen datiert; und dank Isotopenmessungen sowie mit dem Vergleich mit anderen Bohrkernen konnten Erkenntnisse über die jeweiligen klimatischen Bedingungen gewonnen werden.
Diese Verbindung von Klima- und Pflanzenforschung interessiert Ammann besonders: «Wir blicken in die Geschichte zurück – um nach vorne sehen zu können.» Während sich die Physiker und Geografen vorab mit der Entwicklung des Klimas und den Ursachen für einen Klimawandel befassten, interessierten sich Biologen in erster Linie für die Auswirkungen veränderter Klimabedingungen auf Ökosysteme. Es sei kaum mehr bestritten, dass «uns eine starke Erwärmung ins Haus steht; also wollen wir wissen, wie unser Ökosystem darauf reagieren wird.»
Um dies herauszufinden, untersucht das Team der Professorin nun jene Schichten aus den Bohrkernen, die 14 500- bis 14 600-jährig sind: Damals stiegen die Durchschnittstemperaturen innert 70 Jahren um vier bis sieben Grad. Für die Gegend hinter dem Belpberg brachte dies eine Verwandlung mit sich, «von Tundra zu Wald». Dabei tauchten neue Pflanzenarten unterschiedlich schnell an den Gestaden des Gerzensees auf: «Die Birke benötigte etwa 120 Jahre»; Sanddorn war innert 30 Jahren vor Ort. Der Wacholder hingegen, «der war schwupps da», sagt die Botanikerin. Mit dem Anstieg der Temperatur stieg die Zahl der Wacholderpollen, welche sich am Seegrund ablagerten, nahezu ohne Zeitverzögerung. «Das hat uns zuerst überrascht.» Denn sie seien alle davon ausgegangen, dass Pflanzen, insbesondere Bäume, lange brauchen würden, um sich neuen Bedingungen anzupassen, «viel länger als etwa Krebse, die sich jedes Jahr reproduzieren». Für das Rätsel mit dem Wacholder bestehen inzwischen allerdings mögliche Erklärungen: Die Untersuchungen der Bohrkerne zeigten nämlich, dass diese Art vereinzelt bereits vorhanden war; das wärmere Klima behagte diesen Exemplaren dann so gut, dass sie besonders viele Pollen produzierten und sich rasch vermehrten. Solche Erkenntnisse – und wohl noch viele, auch viel kompliziertere, mehr – sollen dereinst in ein Rechnungsmodell einfliessen, mit dem die Auswirkung der Klimaerwärmung auf das Ökosystem im Computer simuliert werden kann – was möglicherweise auch einen Blick in die botanische Zukunft nach einem Klimawandel erlauben wird. Ob das Mittelland mit Palmen überwuchert wird, dazu mag sich Ammann aber (noch) nicht äussern.

Der Hanf kam mit den Klöstern

Doch zurück in die Geschichte: Auch die Ankunft des Menschen hat in der Pflanzenwelt und damit in den Sedimenten des Gerzensees ihre Spuren hinterlassen. Es war demnach etwa vor 5000 Jahren, als unsere Vorfahren das Land urbar machten: Aus jener Zeit werden Pollen von Getreide und Kornblumen nachgewiesen. Eine grössere Verbreitung erfuhr in der Jungsteinzeit auch der Spitzwegerich – was laut Ammann auf Viehhaltung schliessen lässt, findet doch der Spitzwegerich die ihm genehmen Bedingungen insbesondere auf Weiden. Auch aus noch jüngerer Zeit erzählen die Bohrkerne spannende Geschichten. «In einer meiner verrücktesten Proben fand ich einen Anteil von 70 Prozent Hanfpollen», sagt Ammann und lacht, «und zwar in einer Schicht etwa aus jener Zeit, als die Kloster gegründet wurden.» Der Hanf sei im Mittelalter indes wohl weniger zum Rauchen verwendet worden denn zur Gewinnung von Textilfasern. «Sie legten die Pflanzen ins Wasser, bis das Gewebe anrottete, danach liessen sich die Fasern herauslösen.» Mit dem Wasserbad wurden die Pollen der Pflanze ins Wasser gespült und abgelagert – bis sie gut 1000 Jahre später unter dem Mikroskop einer Botanikerin landeten.

Berner Tageszeitung "Der Bund", 06.04.2006

Und so sieht der Gerzensee aus:


Im Hintergrund die Stadt Thun, ein Fitzelchen des Thunersees und die Berner Alpen im Spätsommerdunst (07.09.2005)

Grüsslis aus dem noch nicht so sommerlichen Bern
Fabienne
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Rainer Offline



Beiträge: 48

07.04.2006 01:54
#2 RE: Klimaforschung im Seeschlamm antworten

Sehr interesssanter Bericht - Danke.

Der See sieht aus wie jene übern Bodensee rüber in Oberschwaben - Toteis.

Der Federsee ist bestimmt auch ein prima Forschungsgebiet.

Schönen Gruß

Rainer

Sommerkind Offline




Beiträge: 51

07.04.2006 13:34
#3 RE: Klimaforschung im Seeschlamm antworten

Hallo Rainer

Ist in der Tat ein Toteis-See. Wenige Kilometer gegen den Alpenrand hin gibt es noch einige mehr davon. Ein richtiges Radelparadies :-)

Grüsslis aus dem wieder frühlingshaften Bern
Fabienne
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3 Wochen Winter sind genug
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