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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 499 mal aufgerufen
 Politik & Wahrheit
Sommerkind Offline




Beiträge: 51

09.04.2006 20:33
Freudige Überraschung in Bern antworten
Ahoi in die Runde

Ich weiss, Wahlen in der Schweiz interessieren ausserhalb unserer Landesgrenzen in der Regel kaum, erst recht, wenn es sich um Kantonalwahlen handelt. Was heute bei den Wahlen in Bern passiert ist, ist allerdings einen kleinen Bericht wert. Man lese und staune:

Zur Ausgangslage:

Der Kanton Bern ist der zweitgrösste Kanton der Schweiz und aufgrund seiner Ausdehnung sehr inhomogen. Da sind auf der einen Seite 3 städtische Agglomerationen, die einem grossen ländlichen und konservativen Raum gegenüberstehen. Bisher hatte der ländliche Raum den städtischen in Parlament und Regierung dominiert. Die Sitzverteilung in der 7-köpfigen Regierung sah traditionell so aus:

3 SVP (national-konservative Partei)
2 FDP (bürgerlich-liberale Partei)
2 SP (die gemässigte Linke)

Da für die Regierungswahlen das Majorzsystem gilt, war es immer so, dass sämtliche Kandidaturen der rechtsbürgerlichen Mehrheit mit deutlichem Vorsprung auf die Linken gewannen. Es herrschte ein "freiwilliger Proporz", das heisst, die rechten Parteien haben zusammen nie mehr als 5 Kandidaten aufgestellt, damit die Linken dem Wählerverhältnis entsprechend 2 Sitze bekamen. Doch diese Anerkennung der Verhältnisse wurde diesmal von der rechtsbürgerlichen Seite aufgekündigt.

Der bürgerliche Übermut

Wie immer in den vergangenen Jahren beschlossen SVP und FDP, wieder mit einer gemeinsamen Wahlliste aufzutreten. Damit sollte einmal mehr gesichtert werden, dass das bürgerliche Paket aufgrund des Majorzes seine Kandidaten alle durchbringt. Bei der Delegiertenversammlung der SVP geschah allerdings kurioses: Entgegen der Empfehlung der Parteileitung, wiederum 3 Kandidaten zu nominieren, entschied sich die Basis für eine Viererkandidatur. Die Begründung: Man hätte 4 sehr gute Kandidaten und könne sich nicht durchringen, einen davon über die Klinge springen zu lassen. Die SVP beanspruchte somit die absolute Mehrheit in der Regierung, obwohl diese Partei im Kanton nur auf knapp 30 % Wähleranteil zählen konnte. Die FDP ihrerseits wollte nicht auf einen ihrer zwei Kandidaten verzichten und so kam eine bürgerliche 6-er-Wahlliste zustande.

Dies war ein Affront gegenüber der Linken, denn aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre musste davon ausgegangen werden, dass dank des Majorzsystems die 6 bürgerlichen Kandidaten gewählt würden. Die Linke, die im Kanton auf einen Wähleranteil von mindestens einem Drittel zählen kann, sollte also nur noch einen von 7 Sitzen erhalten. Die Linke reagierte zwar konsterniert, änderte aber nichts an ihrer bisherigen Taktik, 4 Kandidaten aufzustellen. Sie stellte erneut eine Liste mit 3 SP und 1 Grünen auf.

Die Reaktion in den Medien war gespalten. Einerseits monierte man den arroganten Machtsanspruch der SVP und bezichtigte die FDP (die in den letzten Jahren kontinuierlich Wähleranteil verloren hatte), der SVP als Steigbügelhalter zu dienen und ebenfalls einen ihrem Wähleranteil entsprechend vermessenen Anspruch geltend zu machen. Der Linken wurde vorgeworfen, sie reagiere zu schwach auf die bürgerliche Herausforderung. Sie hätte ebenfalls mehr Kandidaten aufstellen müssen...

Der Wahltag

Im Lauf des Nachmittags liefen in der Wahlzentrale wie üblich zuerst die Resultate der kleineren, ländlichen Wahlkreise ein. Das bekannte Muster bestätigte sich: In den ländlichen Wahlkreisen lagen die Kandidaten des bürgerlichen Lagers vorne. Man stellte aber fest, dass viele bürgerliche Wähler ihre Liste nicht unverändert eingeworfen hatten, sondern einige Kandidaten gestrichen hatten. Die linke Wahlliste lief hingegen mehrheitlich unverändert ein. Die Spannung begann zu steigen. Könnte es vielleicht sein, dass viele Rechtswähler den Machtanspruch ihrer Parteien nicht goutierten? Es wurde immer wahrscheinlicher, dass die Linke ihren zweiten Sitz vielleicht doch retten könnte. Um 18.00 Uhr stand fest, dass 2 SVP und 1 SP gewählt waren. Noch aber fehlten die zwei Wahlkreise Bern-Stadt und Bern-Agglomeration, die zwei grössten Wahlkreise mit einem mehrheitlich linken Wähleranteil. Es wurde spannend.

Das Resultat

Um 19.00 Uhr wurde schliesslich das Resultat bekanntgegeben:

Am meisten Stimmen machte - die bisherige Baudirektorin von der SP. Aber hallo!
dann folgten:
2. SVP (bisher)
3. SVP (bisher)
4. der Kanditat der Grünen (neu)
5. ein zweiter Kandidat der SP (neu)
6. FDP (neu)
7. der dritte Kandidat der SP (neu)

Fazit:
- Die Bürgerlichen wurden für ihre Arroganz regelrecht abgewatscht und verloren ihre Regierungsmehrheit.
- Die Linke brachte alle ihre Kandidaten durch und stellt die Regierungsmehrheit.

Und die Moral von der Geschicht:
Der Wähler ist doch gescheiter, als man gemeinhin denken könnte. Die linke Seite wurde durch den unverhältnismässigen Machtanspruch der bürgerlichen Parteien mobilisiert. Insbesondere junge Wähler in den Agglomerationen standen auf und wählten (vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben), um die absolute Mehrheit der rechtskonservativen SVP zu verhindern. Erstmals wurde der ländliche Raum von den Städten überstimmt.

Nun kann man gespannt sein auf die Resultate der Parlamentswahl. Die bisherigen Resultate deuten allerdings nicht darauf hin, dass es hier ebenfalls zu einer linken Mehrheit kommen dürfte.

Grüsslis
Fabienne

PS: Jetzt muss nur noch der Berlusclowni weg, und meine Welt ist wieder ein Stück heiler... ;-)
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Pileus Offline



Beiträge: 103

09.04.2006 22:26
#2 RE: Freudige Überraschung in Bern antworten

Klasse! Freut mich diebisch, dass die Bürgerlichen so nachhaltig abgewatscht wurden!

Dir natürlich auch die noch heilere Welt wünschend, ;-)

Jürgen

Rainer Offline



Beiträge: 48

10.04.2006 00:20
#3 RE: Freudige Überraschung in Bern antworten

...lustig, daß der hiesige Werbecomputer dies dann auch noch mit "Schweizer Müslitradition" analysierend unterstrich.

Soviel Intelligenz wie bei den Berner Wählerinnen und Wählern scheint direkt ansteckend zu sein. :-))

Bärige Grüsse

Rainer

Sommerkind Offline




Beiträge: 51

10.04.2006 00:55
#4 RE: Freudige Überraschung in Bern antworten

Huch!

Bei mir steht eine andere Werbung:
"Philosophie-Studium - Staatlich zugelassener Fernlehrgang plus Seminare, seit 1967!"


Wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl... Tja wer weiss, vielleicht räumt ja die neue Regierung die Steine fürs Studium wieder aus dem Weg, die mir die alte Regierung in den Weg gelegt hat....

Na ja, träumen kann man ja. Das neue Stipendiengesetz wurde schliesslich vom Parlament beschlossen, und nur dieses könnte es wieder ändern. Wie schon oben angedeutet, hat sich die Mehrheit im Parlament nicht geändert. Die Bürgerlichen haben zwar auch hier Einbussen hinnehmen müssen, für eine linke Mehrheit reicht es allerdings nicht. Nur wenn die Mitte-Parteien geschlossen mit der Linken stimmen, reicht es knapp. Das ist zwar bei Themen wie Bildung und Umwelt ab und zu der Fall, aber eben nicht immer. Die gestärkte Mitte (bestehend aus eher kleineren Parteien) wird sich freuen, nun jeweils das Zünglein an der Waage spielen zu können. Ein schönes Beispiel dafür, dass auch die grossen Parteien (die übrigens durchwegs Sitze verloren haben), nicht immer das Sagen haben. Nun, ich bin jedenfalls froh, dass SVP und FDP zusammen keine Mehrheit mehr haben - weder in der Regierung noch im Parlament. Eine gewisse Kursänderung kann man also schon erwarten. Bin gespannt auf die Zeitungskommentare morgen

Grüsslis aus dem triefenden Bern (sind wohl sämtliche Freuden- und Frusttränen vereint, die da auf uns runterstürzen)
Fabienne
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